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Single.Earth: Natur und Klima mit Tokens schützen

Das Start-up Single.Earth will mit seinem Merit-Token belohnen, wer mit Wäldern und Feuchtgebieten CO2 bindet. Ein ökologisch sinnvolles Vorhaben. Doch wann es losgehen soll, sagt Single.Earth nicht – Anfragen laufen ins Leere.

Wenn der Besitzer eines Waldes oder eines Feuchtgebietes Geld verdienen will, muss er regelmässig Bäume abholzen oder Torf stechen lassen. Dadurch zerstört er das natürliche Ökosystem, in dem viele Pflanzen und Tiere leben. Die Natur ist eben kein Wirtschaftsgut: Man kann sie nicht kaufen und verkaufen. Genau das will das estländische Unternehmen Single.Earth, gegründet 2019, ändern: “Wir starten eine Plattform, auf der man natürliche Ressourcen als tokenisierte virtuelle Güter handeln kann – zum Beispiel Emissionszertifikate oder Biodiversitäts-Ausgleiche”, steht auf der Homepage. Single.Earth plant, Besitzer von weitgehend naturbelassenem Wald mit hoher Artenvielfalt und von ökologisch wertvollem Land mit einem Baum-Token zu belohnen. Tokens für Biodiversität – und quasi fürs Nichtstun.

Ein Merit-Token für 100 Kilogramm CO2

Single.Earth will den ökologischen Wert der Natur in Form sogenannter Merit-Tokens handeln. Die Online-Plattform soll jedes Mal einen Merit-Token generieren, sobald 100 Kilogramm des Treibhausgases CO2 in biodiverser Natur gebunden werden. Die Tokens will das estländische Start-up an Landeigentümer ausgeben, welche die Tokens wiederum auf dem Single.Earth-Marktplatz verkaufen können. Single.Earth arbeitet dabei laut eigenen Angaben mit Landbesitzern zusammen, die Wälder, Feuchtgebiete und andere natürliche Ressourcen erhalten und wiederherstellen. Landeigentümer, die Single.Earth beitreten, können ihr Land der Plattform hinzufügen. Kaufen sollen die Merit-Tokens beispielsweise Unternehmen, die damit ihren CO2-Fussabdruck kompensieren.

Single.Earth soll wie folgt funktionieren

  1. Die Eigentümer tragen ihr Land in den Single Earth-Marktplatz ein.
  2. Single Earth schickt Biologen los, die den ökologischen Wert des Landes bewerten.
  3. Single Earth wertet das Land in Tokens aus.
  4. Investoren kaufen diese Tokens und erhalten dafür Emissionsausgleichsgutschriften.
  5. Diese Investoren besitzen nun rechtlich einen Anteil an dem Land.
  6. Die Tokens generieren Gewinne durch Kohlenstoffausgleiche. Sie können aber auch im Laufe der Zeit an Wert gewinnen oder verlieren. Sie lassen sich wie jede andere Ware handeln.
  7. Single Earth überwacht das Land über Satelliten und Luftqualitätssensoren, um sicherzustellen, dass der Wert der Investition erhalten bleibt.

Kritik an anderen Kompensationsprojekten

Letztlich beruht das Single.Earth Geschäftsmodell also darauf, dass Unternehmen oder auch Einzelpersonen ihren CO2-Ausstoss kompensieren können. Doch in einem Interview mit dem kanadischen Journalisten John Koetsier hat die Single.Earth-Gründerin Merit Valdsalu klargestellt, was sie von vielen anderen Kompensationsprojekten hält: “Zum Beispiel diese Baumpflanzungen an Orten, an denen man rodet und dann neue Bäume pflanzt, die tun der Natur nicht wirklich gut.” Die Bewirtschaftung von Plantagen schnell wachsender, tokenisierter Bäume ist beispielsweise das Geschäftsmodell des polnischen Start-ups Smart Forest.

Single.Earth will Kohlenstoffbindung digital abbilden

Ein wichtiger Bestandteil des Single.Earth-Geschäftsmodells ist es digital abzubilden, wie die Ländereien der Plattform Kohlenstoff binden und die Artenvielfalt erhalten. Laut Unternehmensangaben wurden Sattelitendaten, Big-Data-Analysen und maschinelles Lernen kombiniert, um diese digitale Darstellung zu erzeugen. Single.Earth bezeichnet die Darstellung als digitalen Zwilling unseres Planeten beziehungsweise als digitalen Zwilling der Natur der Welt.

Andrus Aaslaid und Merit Valdsalu von Single.Earth.

Wir arbeiten fleissig an der Einführung unserer Plattform für alle von Euch. Wir sind dabei, das Mitarbeiter-Team aufzubauen.

Single.Earth-Gründer Andrus Aaslaid (CTO) und Merit Valdsalu (CEO)

Ein Token-Handelsplatz für die Natur

Blockchain, Tokens und eine Börse für den ökologischen Wert insbesondere von Wäldern und Feuchtgebieten: Das sind also die Zutaten, mit denen die Esten die Wirtschaft und den Erhalt der Natur miteinander in Einklang bringen wollen. Die ferne Vision: Banken und Staaten sichern ihre Finanzen künftig nicht mehr mit Goldvorräten ab, sondern mit naturnahen Kapitalanlagen.

Bislang betrachtete man Gold als eine Art Rückgrat aller finanziellen Transaktionen, schreibt Single.Earth. Das sei darauf zurückzuführen, dass es nur eingeschränkt verfügbar ist und sich nicht fälschen lässt. “Aus finanzieller Sicht ist die Natur wie Gold – wir können sie nicht in Massen produzieren und ihr Vorrat ist auf unsere Erde beschränkt”, so Single.Earth. Und behauptet: “Wir machen die Natur zum neuen Gold.” An diesem vollmundigen Slogan wird sich das Unternehmen messen lassen müssen.

Die Idee ist da – der Launch lässt auf sich warten

Wann aber nimmt die Online-Handelsplattform tatsächlich den Betrieb auf? Anfang September 2021 wandten sich Merit Valdsalu und Mitgründer Andrus Aaslaid mit einer Videobotschaft an alle, die schon einmal Interesse signalisiert hatten: “Wir arbeiten fleissig an der Einführung unserer Plattform für alle von Euch”, versichert darin Valdsalu. Man sei dabei, ergänzt Aaslaid, das Mitarbeiter-Team aufzubauen und habe bereits Schlüsselpositionen besetzt. Der Chief Technology Officer des Unternehmens weiter: “Wir unternehmen auch zusätzliche Anstrengungen, um die Einhaltung der verschiedenen Bestimmungen zu gewährleisten. So wird unser dezentraler und wissenschaftlich fundierter Ansatz ein neues Mass an Transparenz und Vertrauen in den Markt bringen.”

Gibt es Probleme bei Single.Earth?

Die Videobotschaft dient offensichtlich dazu, Unterstützer und potenzielle Investoren bei der Stange zu halten. Die begleitende Mail beginnt mit den Worten: “Warten Sie schon sehnsüchtig auf die grosse Enthüllung?” Valdsalu und Aaslaid teilen den Mail-Adressaten mit, dass es bei ihrem Vorhaben grosse Fortschritte gebe, aber noch “einige Puzzlestücke zu ergänzen seien”. Zudem würdigen sie die Geduld der Unterstützer.

Wie glaubhaft diese Verlautbarungen sind, ist unklar. Die Nachfragen von token-information.com bei Single Earth zwecks genauerer Zeitangaben für den Launch und einiger Detailinformationen liefen bislang ins Leere. Bleibt abzuwarten, ob das grundsätzliche Problem die Einführung der “Merit Tokens” ist. Oder ob die Verschwiegenheit im Gegenteil darauf hindeutet, dass die Esten sich in der heissen Phase kurz vor dem Launch befinden. Im Juli hatten sie jedenfalls bekanntgegeben, von Investoren unter Leitung des schwedischen Venture Capital Fonds “EQT Ventures” 7,9 Millionen Dollar eingeworben zu haben.

Dr. Frank Frick

Wissenschaftsjournalist & Redakteur | promovierter Chemiker
Schwerpunkte: Wissenschaft | Umwelt | Chemie | Energie

Dr. Frank Frick

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